Freitag, 30.10.09
Wir treffen uns um 8.45 h am Bornkampsweg 2 auf einem Firmenparkplatz, wo wir über’s Wochenende unsere Autos stehen lassen können.
Unsere freiwilligen Fahrer (Sylvie, Frank + Frank, André) waren schon um 8.00 h bei der Hertz Autovermietung an der Stresemannstrasse, um die beiden Ford Transit 9-Sitzer zu übernehmen, die uns zum Armada-Cup nach Bern bringen sollten.
Als ZZ und ich um 8.45 h eintreffen, sind schon fast alle vor Ort und es kann pünktlich um 9.00 h losgehen auf die ca. 950 km lange Strecke nach Bern. Das Wetter ist super, ebenso wie die Stimmung im Auto. Wir haben viel Spaß während der Fahrt, reden viel Blödsinn, vernaschen reichlich Weingummis (besonders der Unfreundliche, der uns tapfer bis nach Bern fährt) und Apfelkuchen (ZZ’s erster – eine etwas klebrige Angelegenheit aber sonst ganz lecker) und diverse HoPiHalidos, die unser ex-Stellv Uwe in ausreichender Zahl mitgebracht hat. Das sorgt natürlich für diverse Pinkelpausen auf der Strecke, so dass unsere Reiseleitung Sylvie schon energisch zum Weiterfahren drängen muss, damit wir rechtzeitig bis 19.30 h unsere Bungalows auf dem TCS Campingplatz in Bern-Eymatt übernehmen können.
Nachdem unsere dusseligen Navis uns noch einen kleinen Umweg über irgendeine tüdelige Landstrasse beschert haben, kommen wir gerade rechtzeitig um 19.20 h auf dem Campingplatz an und beziehen – etwas geschafft von der doch langen Autofahrt – unsere Bungalows. Kurz die Autos entladen, die Zimmer beziehen und ab in das „Restaurant“ (wenn man es so nennen will) des Campingplatzes, da natürlich an diesem Abend keiner mehr Lust hat, noch irgendwo mit dem Auto hinzufahren.
Ohne Anmeldung zum Essen ist man hier auf eine Invasion von 18 Personen nicht eingestellt, und es gibt daher nur Schweinebraten mit Gemüse und „Teigwaren“ und einen grünen Salat mit etwas zuviel Essig vorweg für „günstige“ 20 Schweizer Fränkli. Na ja, immerhin eine warme Mahlzeit, und es gibt Schneider Weisse, was die Stimmung zumindest an unserem Tisch wieder etwas hebt.
Um kurz vor 22.00 h wird dann Last Order befohlen, und wir werden recht energisch über Lautsprecher auf den bevorstehenden Feierabend hingewiesen. Daraufhin trollen wir uns – etwas befremdet über die Schweizer Gastfeindschaft – in den „Herren-Bungalow“, wo wir noch ein paar Biere zu uns nehmen und dann recht frühzeitig unsere Betten aufsuchen. Es war halt doch ein anstrengender Tag.
Samstag, 31.10.2009
Das wichtigste an diesem Morgen: Voula – besser bekannt als Frau X – hat heute Geburtstag. Sie wird uns im Rennen vorwärts trommeln und möchte natürlich als Geburtstagsgeschenk am liebsten ein vernünftiges Rennergebnis. Mal sehen, was sich da machen lässt.
Um 8.30 h ist Frühstück angesagt – später ist nicht möglich, weil die großartige Campingplatz-Gastronomie das sonst nicht schafft. Das Frühstück besteht aus einer Scheibe Brot, einem Croissant, etwas Butter und Marmelade sowie einer Tasse Kaffee, Tee oder Schokolade. Widerstand regt sich gegen so eine maue Mahlzeit vor einem so anstrengenden Rennen, aber es gibt keinen Nachschlag – weder Brot noch Getränke – und Sylvie muß auch noch den Kaffeekellner machen. Das fängt ja gut an!
Nach diesem üppigen Frühstück fahren wir erst mal mit ein paar Leuten in den Ort, um uns Schweizer Franken zu besorgen. Bei der Gelegenheit gehen ZZ und ich im Supermarkt einkaufen, damit wir im Bungalow später noch ein zweites Frühstück zu uns nehmen können.
Als wir zurückkommen, sind alle anderen an die Regattastrecke gegangen, die direkt am Campingplatz liegt, und wir begeben uns dann auch dorthin. Die anderen haben inzwischen die Boote auf den Anhängern in Augenschein genommen, und es herrscht helle Aufregung darüber, dass wir angeblich in einem Split-Boot alter Bauart fahren müssen. Außerdem wurden andere Boote entdeckt, die mit Spritzschutz und Lenzpumpen ausgerüstet waren, und es gab Aussagen von anderen Teams darüber, dass man nicht mit 20 Paddlern fahren sollte – es habe schon Teams gegeben, bei denen während des Rennens 2 Personen nur Wasser aus dem Boot schöpfen mussten. Die Stimmung war ziemlich auf dem Tiefpunkt und unser Unfreundlicher darüber etwas angenervt (berechtigterweise muss ich im nachhinein sagen).
Es war nämlich alles wieder gar nicht so, wie es zunächst den Anschein hatte. Wir bekamen zwar ein Split-Boot, das wir nach dem Abladen erst einmal zusammenschrauben mussten, aber es war ein 10-Bank-Boot, und der einzige Nachteil bestand natürlich in dem daraus resultierenden Schott in der Mitte. Die Stimmung stieg wieder etwas. Nachdem der Unfreundliche dann im Regattabüro weitere Informationen eingeholt hatte, konnte er uns auch wegen der Bootsbesetzung mit 20 Paddlern beruhigen. Bei diesem guten Wetter (Sonnenschein übrigens, 13°C und kein Wind) sei das überhaupt kein Problem, und auch fast alle anderen Boote würden mit 20 Paddlern besetzt fahren. Er findet sehr energische Worte (ich will keine Horrorgeschichten mehr hören, Bangemachen gilt nicht, wir fahren mit 20 und damit basta), und wir fügen uns – wie es sich für ein folgsames Team gehört.
Nachdem das also geklärt ist und wir unser Boot am Steg vertäut haben, gehen wir zum Campingplatz zurück und machen uns über unser zweites Frühstück her, sitzen noch etwas in der Sonne, lassen uns von der Campingplatzleitung anmaulen, weil wir die Bungalow-Tür zu lange offen gelassen haben (wegen der Heizung) und bereiten uns dann langsam auf den großen Moment vor, für den wir die weite Reise angetreten haben.
Wir ziehen uns in den Bungalows um und gehen zum Start hinunter. Das Rennen verläuft wie folgt: Alle 39 Drachenboote gehen auf’s Wasser, wovon 8 Damenteams sind, deren Rennen vorab gestartet wird. Die verbleibenden 31 Open-Boote ordnen sich in der vorgegebenen Startformation ein (jeweils 6 Boote in einer Reihe – sortiert nach der Platzierung aus dem Vorjahr bzw. nach Meldungseingang). Wir haben die Startnummer 23.
Es gibt einen Startschuss ohne Vorankündigung (um 13.52 statt wie geplant um 13.55 h), und dann starten alle Boote auf einmal. Das bis dahin ruhige, sehr klare Wasser des Wohlensees (13°C Wassertemperatur) verwandelt sich schlagartig in einen brodelnden Kochtopf, und wir wissen spätestens jetzt, warum einige Boote, die schon Armada-Cup-Erfahrung haben, vorne mit Spritzschutz ausgestattet sind und Lenzpumpen installiert haben. Es gibt am Start eine derartige Bugwelle, dass unsere Schlagfrau Ines (und sicher auch ihr Nebenmann Frank) schlagartig vom Hals abwärts klitschenass ist, und innerhalb kürzester Zeit haben wir knöchelhoch Wasser im Boot. Wir paddeln was das Zeug hält, ich steche beim Start häufiger ins Leere, weil plötzlich kein Wasser da ist.
Nachdem wir einigermassen unseren Rhythmus gefunden haben, paddeln wir ziemlich konstant weiter, wie betäubt von dem Dröhnen der Trommeln und dem Schreien der Steuerleute und Trommler(innen) um uns herum. Die Boote fahren meist sehr dicht zusammen, da es auf dem recht schmalen See (der eher wie ein Fluss aussieht) massenweise breite Sandbänke im Uferbereich gibt, auf die natürlich keiner auffahren will. Es wird gekämpft um jeden Zentimeter Wasser, keiner will zurückweichen, und es kommt häufiger zu gegenseitigen Paddelberührungen mit dem nebenherfahrenden Boot.
Kurz vor den Wendebojen bekommen wir plötzlich Gegenverkehr! Die vor uns gestarteten Boote sind inzwischen auf dem Rückweg und pflügen ohne Rücksicht auf Verluste durch das ihnen entgegenkommende Feld. Unglaublich, dass es hier nicht zu Kollisionen kommt. Den Steuerleuten wird in diesem Rennen wirklich einiges abverlangt!
Wir fahren bis zur Wendeboje nach 4 km ziemlich konstant mit den drei rechts neben uns fahrenden Booten, dicht gefolgt von weiteren Konkurrenten. Die Wendeboje kommt, und wir müssen die Wende innen fahren. Das Boot rechts neben uns kommt etwas schneller um die Wende als wir, und plötzlich fahren wir direkt auf deren Breitseite zu. Trotz Vollbremsung in dem uns umgebenden Tumult rammen wir das Boot. Großes Geschrei „Paddel auf’s Wasser! Links zieht! Weiter geht’s! Paddeln!“ Wir verhindern, dass wir kentern, befreien uns aus der Klemme und weiter geht’s. Die Schiersteiner, die wir gerammt haben, sind natürlich sauer – aber irgendwas is’ ja immer. Kaum um die Wendebojen herum, sehen wir das zweite gekenterte Boot (das erste gab’s bereits am Start), aber wir sind noch gut im Rennen.
Den gesamten Rückweg fahren wir neben der Startnummer 11 – dem Drachenboot Club Eglisau aus der Schweiz, die ungefähr so stark sind wie wir. Wir werden dadurch immer wieder zum nochmaligen Anziehen des Schlags motiviert, immer wieder zählt Voula 20 Harte an. Trotzdem können wir die Nr. 11 nicht abschütteln – die uns allerdings auch nicht. Endlich – nachdem die Kraft schon nachlässt und ich mich frage, wann die 9 km endlich rum sind – kommt die Brücke in Sicht, bei der das Ziel ist. Endlich! Jetzt ist es nicht mehr weit, und im Anblick des nicht mehr fernen Ziels mobilisieren wir noch einmal die letzten Kräfte. Dann haben wir dieses außergewöhnliche Rennen endlich erfolgreich, völlig erschöpft, nass, mit jeder Menge Wasser im Boot aber glücklich überstanden.
Wir dümpeln noch eine ganze Weile auf dem Wasser, liegen neben den Facility Dragons aus Frankfurt, die schon häufiger hier gestartet sind, und halten mit denen einen kleinen After-Race-Plausch, als wir wieder Luft dafür haben. Dann gibt es noch mal ein gemeinsames Geburtstagsständchen für Voula, die Blasen vom Trommeln an den Händen hat.
Alle Drachenboote werden sofort wieder aus dem Wasser gezogen, was natürlich eine Weile dauert. Wir dürfen unseres dann aber am Steg im Wasser lassen und brauchen es auch nicht wieder auseinanderbauen und aufladen.
Wieder an Land, gibt es erst mal ein mitgebrachtes Bier aus der Dose und natürlich aufgeregte Gespräche über die Eindrücke jedes Einzelnen während des Rennens. Glücklich, das Rennen gut überstanden zu haben, gehen wir dann zurück zu unseren Bungalows, um uns trockenzulegen und zu duschen.
Um 16.45 h ist Siegerehrung am Festzelt, wo wir uns alle versammeln und gespannt darauf sind, welchen Platz wir denn nun mit welcher Zeit belegt haben:
Die Startnummer 23 hat im 23. BKW Armada-Cup den 23. Platz belegt mit einer Zeit von 39:55.14 Minuten. Wir finden, dass ist für uns eine Superzeit für die Strecke von 8 km (es sind nämlich gar keine 9 km laut unseren Navis), und die Platzierung war besser, als wir erwartet hatten. Unsere Gegner mit der Nummer 11 sind mit einer Zeit von 39:53.76 kurz vor uns ins Ziel gefahren (Platz 22). Der erste Platz (Renngemeinschaft KCRJ aus der Schweiz) hat eine Zeit von 33:29,81 gefahren, die Los Banditos aus Rostock belegten mit 33:41.03 den 2. Platz und der Letzte erreichte eine Zeit von 42:43,56.
Mit dem Ergebnis ist uns das Geburtstagsgeschenk für Voula glaube ich ganz gut gelungen.
Und der HSV hat zu Hause 2:3 gegen Borussia Mönchengladbach verloren L Das kommt davon, wenn wir nicht im Stadion sind!
Nach der Siegerehrung fallen wir in einer Pizzeria ein, die wir zu Fuß erreichen können und in der Sylvie für uns vorher einen Tisch bestellt hatte (damit wir nicht wieder Schweinbraten essen müssen).
Außer uns sind zunächst noch 6 weitere Gäste da, und damit ist der Laden voll. Die Bedienung ist nett, wir bestellen glaube ich alle Pizza, da es nicht viel anderes gibt. Natürlich dauert es eine Weile, bis wir alle versorgt sind, aber die Pizzen sind lecker. Nur Ines ist nicht zufrieden. Sie hatte solchen Hunger, dann wird ihre Pizza vergessen, Hansi isst neben ihr bereits und als sie ihre Pizza endlich bekommt, sind keine Artischocken drauf! (Irgendwas is’ ja immer!)
Anschließend gehen wir wieder zum Festzelt, wo eigentlich eine Party stattfinden sollte. Es spielt auch eine Live-Band, aber viele Partygäste sind nicht da. Wir stehen einen zeitlang herum, trinken ein paar Bier und gehen dann in Richtung Bungalow zurück. Irgendwie sind wir nach dem anstrengenden Rennen auch wieder kaputt und froh, in die Horizontale zu kommen.
Sonntag, 01.11.2009
Um 8.30 h ist wieder Frühstück angesagt. ZZ und ich bleiben dem fern, da wir keine Lust haben, uns vom netten Personal wieder anmaulen zu lassen. Wir frühstücken im Bungalow und Thomas, Uwe und Doris kommen dann noch dazu, um das maue gebuchte Frühstück noch etwas aufzustocken. Heute gab es zwar zwei Scheiben Brot, aber das Gesicht der Bedienung sprach wohl Bände.
Das Fazit bezüglich des Campingplatzes ist: Super Lage direkt an der Regattastrecke, gute Sanitäranlagen, schöne, gut ausgestattete Bungalows, bloss keine weiteren Dienstleistungen wie Frühstück oder sonstiges Essen buchen. Die Bungalows hatten alles, was man für Selbstversorgung braucht (Kaffeemaschine, Heißwasserbereiter, Geschirr, Kühlschrank).
Nach dem Frühstück wird alles wieder zusammengepackt, in die Autos verladen und gegen 10.00 h geht’s wieder ab in Richtung Hamburg.
Auf dem Rückweg steuert André unseren Transit. Das Wetter ist immer noch schön, nachdem sich der Hochnebel etwas gelichtet hat. Wir fahren wieder (wie auch schon auf dem Hinweg) staufrei bis Hamburg. Diesmal mit etwas weniger Pinkelpausen (da weniger Bierkonsum) und ohne Umweg über die Landstrasse. Es ist auch erheblich ruhiger im Auto, nachdem Frau X die meisten ihrer Wörter auf den ersten Kilometern verbraucht hatte, und auch keiner mehr wollte, dass sie neue aufnimmt…. Nachdem jetzt alles überstanden war, wollten wir dann doch alle nur noch möglichst schnell nach Hause.
Dem zweiten Wagen schien das nicht ganz so zugehen, denn wir mussten auf dem Parkplatz am Bornkampsweg noch eine halbe Stunde bei kaltem Wind warten, bis der Rest des Teams endlich eintraf.
Mein Fazit dieser Veranstaltung:
Ein tolles Rennen, das es so nirgendwo anders gibt. Es ist ein einzigartiges Erlebnis, auf diesem schönen See in der Schweiz mit so vielen Drachenbooten gleichzeitig ein Rennen zu fahren, bei dem es so gut wie keine Regeln gibt! Von mir aus nächstes Jahr gerne wieder – vielleicht mit einer Anreise per Bahn!
Außerdem hatten wir ein Super-Team, dass sich aus 6 WSAP Mannschaften zusammensetzte (Chaos Dragons, Isedrachen, Black Dragon Headz, Treibholzgeschwader, Sun Dragons, Baltic Bandits) und sich gut vertragen hat. Es gab keine Ausfälle, so dass Jörn, der freiwillig als Ersatzpaddler mitgereist war, nicht zum Einsatz kam (zumindest nicht in unserem Boot). Ein großes Dankeschön dafür an ihn, ebenso wie an unsere Reiseleitung Sylvie, die alles super für uns organisiert hat, und natürlich an unseren Unfreundlichen, der sich um die sportliche Seite gekümmert und uns natürlich gesteuert hat (was bei diesem Rennen sicher als besondere Leistung zu würdigen ist!). Und nicht zu vergessen Frau X, die sich dazu durchgerungen hat, ihren Geburtstag mit uns zu verbringen und sich beim Trommeln Blasen an den Fingern einzuhandeln.
Schön, dass ich heute noch Urlaub habe, und diesen Bericht schreiben konnte. Ich finde, dieses Erlebnis ist es Wert, schriftlich festgehalten zu werden.
Anni – Baltic-Bandits
Hamburg. 02.11.09 © Baltic-Bandits, 06.11.2009
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